Im Gespräch mit David Mack
Wie die Innovation im Roman überlebte ...

Anlässlich der Deutschlandpremiere seines Romans "Der Vorbote" sprach der amerikanische Schriftsteller David Mack mit Christian Humberg über das Leben, das Schreiben und das Trekken. Diese Begegnung haben wir im „Bonusmaterial“ des Romans, im eigens für den deutschen Markt entstandenen Zusatzkapitel am Buchende, dokumentiert. Doch das aufschlussreiche Gespräch der beiden Autoren sprengte den dort zur Verfügung stehenden Raum um Längen. Deshalb haben wir uns entschlossen, es hier in seiner ganzen Breite wiederzugeben. Wir wünschen viel Vergnügen bei diesem Blick hinter die Kulissen der Raumstation 47 und danken David für seine Zeit und seinen Einsatz.

1. Allgemeine Fragen

Bitte erzähle uns etwas über dich und dein Leben im Allgemeinen. Wer bist du, vom Schriftsteller einmal abgesehen?

Ich bin ein Bewahrer der Flamme, ein Traditionsbrecher und der am härtesten arbeitende Faulpelz, dem du je begegnen wirst. Man kann mich oft dabei beobachten, wie ich mich am Kopf kratze oder mit widerspenstigen Adverbien ringe. Manchmal fluche ich laut, ohne jeden Grund.
Ich verzaubere die Massen mit meinen leidenschaftlichen Ansprachen und scharfzüngigem Witz. Auch wenn ich nicht wirklich schäume, habe ich für Intoleranz doch nur Verachtung übrig und lasse die unheilbar Dummen meinen Zorn hören. Wenn ich mich langweile, plane ich meinen kommenden Aufstieg zur Weltherrschaft.
Ich habe die Diskrepanzen in der Einheitlichen Feldtheorie beseitigt, halte die Methode aber solange geheim, bis mir die Menschheit reif genug erscheint.
Ich bin von durchschnittlicher Größe und Statur, habe einen außergewöhlich großen Wortschatz und verfüge über das eigentümliche Talent, das Alltägliche lächerlich aussehen zu lassen. Ich backe 30-Minuten-Brownies 40 Minuten lang, weil ich mich weigere, mich hetzen zu lassen; ich bin weder ein Sklave der Zeit, der Mode oder von New York.
Ich bin sparsam, ehrlich, tapfer, vertrauenswürdig und ein ehemaliger Pfadfinder. Bei Tag bin ich Lektor, und bei Nacht ein Verteidiger der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Independent-Films. Ich stamme von einem weit, weit entfernten Planeten.
Ich bin ein loyaler Freund, ein erbitterter Feind und ein Meister der verspäteten sarkastischen Replik. Ich fordere das Schicksal heraus, betrüge den Tod und sühne jeden Tag ein Unrecht. Sobald meine Eroberung des Planeten vollzogen ist, werde ich mich für gesetzliche Viertagewochen stark machen, für zweistündige Siestas und Mittagessen, die drei Drinks lang andauern.
Ich bin über das Land gewandert, habe die Meere bereist und für „Star Trek: Deep Space Nine“ geschrieben.
Doch die Bestseller-Liste Belletristik der „New York Times“ habe ich noch nicht geknackt.

Ist das Schreiben von Belletristik dein Hauptberuf, oder gehst du noch einer anderen Arbeit nach. Und wenn, welcher?

Seit Dezember 2007 habe ich zusätzlich zum Autorendasein noch einen Vollzeitjob, sage den Leuten aber aus verschiedenen Gründen nicht gerne, wo. Im Grunde mache ich das, weil ich meine Frau in den letzten Jahren finanziell unterstützen musste, während sie ihren Master machte, und weil die Vereinigten Staaten ein hoffnungslos rückständiges Land sind, wenn es darum geht, allen Bürgern eine umfassende medizinische Versorgung zu bieten. Für 2008 hoffe ich, den Übergang zum Vollzeitautor zu schaffen, nachdem meine Frau ihren Abschluss gemacht und einen Job gefunden hat. Wie man sich vorstellen kann, ist dies eine Aussicht, die mich sowohl begeistert und erschreckt.

Wie bist du Schriftsteller geworden, und wie ein Autor von Media-Tie-Ins?

In gewisser Weise bin ich schon den Großteil meines Lebens ein Geschichtenerzähler. Meine Eltern sagten mir, dass ich als kleiner Junge einen Film anschauen und seine komplette Handlung am nächsten Tag beim Frühstück nacherzählen konnte, Stück für Stück.
Meine erste publizierte Arbeit, da war ich vielleicht 10 oder 11, ging über außerirdisches Leben, glaube ich. Ich hatte sie einem Wissenschaftsmagazin für Kinder angeboten, das „Odyssey“ hieß. Zuerst zeichnete ich das Alien, dann schrieb ich einen kurzen Text über seine Umgebung und Biologie. Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Mutter von diesem Magazin noch irgendwo eine Kopie versteckt hat, in einer Kiste in ihrem Keller.
Ich schrieb auch kurze Texte, die an die Enden von „Star Wars“ oder „Flucht ins 23. Jahrhundert“ erinnerten, eine davon könnte sogar in einer Schülerzeitung der Junior High School erschienen sein. Sie waren vielleicht 100 Wörter lang – so lange, wie meine Aufmerksamkeitsspanne zu der Zeit eben war.
Mit 11 oder 12 träumte ich davon, Romane zu schreiben. Ich fand es cool, ein richtiges Buch mit meinem Namen auf dem Umschlag in Händen zu halten. Doch immer, wenn ich mich zum Schreiben hinsetzte, fabrizierte ich ein paar Seiten einer halb autobiografischen Geschichte, schrieb mich in eine Ecke und verlor den Fokus.
Als ich älter wurde, dachte ich ernsthafter über das Schreiben nach. Mit 14 sah ich mir immer eine Kindersendung im Fernsehen an. Sie hieß „You Can’t Do That on Television“ (So etwas kannst du doch nicht im Fernsehen machen). Es war eine absurde Sketchcomedy und ich war davon überzeugt, Szenen schreiben zu können, die genauso witzig oder noch witziger waren wie das, was ich da zu sehen bekam.
Mein Englischlehrer im ersten Jahr, Ken Beals, ermutigte mich, es zu versuchen und für die Show zu schreiben. Für seinen Unterricht sollte ich ein Essay über meine Erfahrungen verfassen. Ich sah mir den Abspann der Sendung an, erfuhr so die Namen ihrer Ausführenden Produzenten und der Produktionsgesellschaft und auch, in welcher Stadt sie gedreht worden war. Dann rief ich die Auskunft an und bekam die Telefonnummer der Gesellschaft.
Danach kam der spaßige Teil. Ich rief die Firma an und fragte namentlich nach dem Ausführenden Produzenten Roger Price, und ein paar Sekunden später hatte ich ihn an der Strippe. Ich erklärte ihm, wer ich war, wie alt ich war und dass ich versuchen wollte, für seine Show zu schreiben. Die meisten Produzenten hätten aufgelegt, aber Roger unterhielt sich mit mir und fragte, was ich übers Drehbuchschreiben wisse. Er erklärte mir telefonisch die Details eines Drehbuchs fürs Live-Fernsehen, gab mir eine Adresse, an die ich meine Scripts schicken konnte, und wünschte mir Glück.
Die nächsten Tage arbeitete ich wie wild hinter einer Schreibmaschine im Keller meiner Eltern, und verfasste eine Parodie nach der anderen. Als ich zehn Szenen zusammen hatte, rief meine Mutter für mich bei Fed Ex an und wir schickten sie an die Show. Es kommt vermutlich nicht überraschend, wenn ich sage, dass sie abgelehnt wurden.
Aber darum ging es eigentlich auch gar nicht. Meiner Mutter war aufgefallen, wie sehr ich mich in die Sache hineingehängt hatte, und da glaubte sie zum ersten Mal wirklich, dass es mir mit dem Schreiben ernst sein könnte. Damals nahm sie abends an einem Wirtschaftskurs in einem nahe gelegenen College teil. Im Herbst meines zweiten Jahres an der High School, also als ich 15 war, fiel ihr auf, dass es zur gleichen Zeit und an den gleichen Abenden an ihrem College auch einen Kurs im Drehbuchschreiben gab. Wenn ich ernsthaft daran interessiert sei, dieses Handwerk zu erlernen, so sagte sie, wolle sie mir den Kurs bezahlen. Also bekam ich eine Sondererlaubnis meiner Schule, um an den Abenden einen Englischkurs auf Collegeniveau zu belegen. Ein paar Monate später schloss ich ihn mit der Note 1 ab und hatte mich entschieden, Drehbuchautor zu werden.
Das wiederum führte dazu, dass ich mich 1987 an der Filmhochschule der New York University einschrieb. Vier Jahre verbrachte ich dort, lernte Film- und TV-Produktion und hatte mich bei meinem Abschluss aufs Verfassen von Drehbüchern spezialisiert. Außerdem arbeitete ich während meiner Collegezeit als Autor und Hauptherausgeber des Humormagazins der Hochschule, „The Plague“.
Was folgte, waren einige Jahre, in denen ich als freiberuflicher Reporter und Autor von Zeitschriftenartikeln herumkrebste und zudem noch als Lektor arbeitete, in Vollzeit und unterbezahlt. Gelegentlich schrieb ich kurze autobiografische Geschichten, von denen ich dachte, dass sie eines Tages ein Buch ergäben. Rückblickend betrachtet schrieb ich also eine Biografie, obwohl ich niemanden wusste, der sie hätte lesen wollen. In dreißig Jahren oder so werde ich vielleicht zu dem Projekt zurückkehren. Wenn ich die ganzen peinlichen Sachen vergessen habe.
Ab 1994 trennte ich mich schließlich von Hobbys, die ich zusehends als Ablenkungen vom Schreiben betrachtete. Das war eine der klügsten Entscheidungen meines Lebens. Schreiben ist Arbeit, und wenn man es professionell machen will, muss man ihm viel Zeit und Aufmerksamkeit widmen. Sobald ich mir darüber klar war, kam die Sache ins Rollen.
Wie ich Tie-In-Autor wurde … Das ist eine ganz andere Geschichte, und sie wurzelt in meiner Tätigkeit als Freelancer bei „Star Trek: Deep Space Nine“.

Okay, wie bist du denn zu „Star Trek: Deep Space Nine“ gekommen? Und was hat das mit deiner Schriftstellerei zu tun?

1988, in meinem zweiten Jahr an der Filmhochschule, kündigte „Star Trek: The Next Generation“ an, Drehbücher von außerhalb anzunehmen. Jeder, der sich an einem kompletten Script fürs Fernsehen versuchen wollte, konnte es einsenden, und jemand von der Show würde es lesen. Sie haben mal gesagt, dass sie pro Jahr etwa 5000 Drehbücher bekommen haben. So weit ich weiß, wurde davon insgesamt nur eines je produziert („Der unbekannte Schatten“ von Timothy de Haas) – das war also eine unwahrscheinliche Art, in die Branche zu gelangen.
1994 lud mich ein Collegefreund zu einem wöchentlichen Lunch ein, an dem professionelle Autoren und Lektoren von SF- und Fantasyromanen teilnahmen. Zu der Zeit waren die meisten von uns noch jung, in ihren Zwanzigern, obwohl es auch erfahrene Profis gab, die regelmäßig kamen.
Der Grund für diese Einladung war, dass mir mein Kumpel, Glenn Haumann, einen neuen Freund vorstellen wollte, einen Mann namens John Ordover, der gerade als Lektor der Star-Trek-Romane angefangen hatte. Ich hatte damals schon einen beachtlichen Stapel von Absagebriefen von „Star Trek: The Next Generation“ und „Star Trek: Deep Space Nine“ gesammelt. Vom TV-Geschäft frustriert, entschloss ich mich, mein Glück mit dem Schreiben eines Star-Trek-Romans zu versuchen. John wollte wiederum seine Kontakte in der Magazinbranche ausdehnen, damit er mehr von seinen Artikeln und Texten verkaufen konnte. Glenn dachte sich, dass John und ich uns gegenseitig helfen konnten, also machte er uns miteinander bekannt.
Ich gab John eine Liste mit den Namen und Telefonnummern der Menschen, von denen ich dachte, dass sie ihm vielleicht helfen könnten. Und er gab mir eine Ausgabe der Autorenrichtlinien für die Star-Trek-Romane, damit ich meine Romanidee polieren konnte, an der ich schon seit mehreren Wochen arbeitete. Als ich nach Hause kam und die Richtlinien las, stellte ich aber entsetzt fest, dass ich jede einzelne gebrochen hatte. Da ich mich nicht dadurch blamieren wollte, etwas derart falsches einzureichen, warf ich mein Konzept in den Müll und dachte nicht mehr darüber nach.
Wir setzten die Lunch-Treffen fort, und nach ein paar Wochen fragte John: “Was ist eigentlich aus dem Konzept geworden, dass du mir zeigen wolltest?” Ich antwortete: „Es brach all deine Richtlinien, also entschied ich mich, deine Zeit nicht damit zu verschwenden.“ Er lächelte und sagte: „Weißt du, mancher Profi ist längst nicht so rücksichtsvoll.“ Und mit einem Mal waren wir Freunde geworden.
Einige Monate später schrieb ich wieder an Drehbüchern, die ich bei „Star Trek: Deep Space Nine“ einreichen wollte. Ich suchte nach einem Weg, den Produzenten der Serie die Geschichten direkt vorschlagen zu können. John hatte diese Möglichkeit, brauchte aber einen Partner, der Drehbücher schreiben konnte. Während eines Essens besprach er eines meiner Scripts mit mir und ich sagte: „Warum schreiben wir die Dinger eigentlich nicht gemeinsam?“ Er strahlte und antwortete: „Warum eigentlich nicht?“ Und mit einem Mal waren wir ein Autorengespann.
Wir verbrachten ein paar Monate übend und stellten sicher, dass wir, sollten wir nach einem Verkauf der Ideen tatsächlich einen Drehbuchauftrag bekommen, das Buch auch binnen der Frist von zwei Wochen fertig stellen konnten, welche die Autorengewerkschaft vorgab. Als wir uns bereit fühlten, stellte John eine Telefonkonferenz mit den Produzenten von „Deep Space Nine“ und „Star Trek: Voyager“ her, im Februar 1995.
Nach einigen Wochen erfuhren wir, dass wir etwas verkauft hatten, an „Voyager“. Als Referenz für den Autorenauftrag schickten wir Jeri Taylor unser bestes „Deep Space Nine“-Drehbuch. Und in der nächsten Woche teilte man uns mit, dass wir auch von „Deep Space Nine“ gekauft worden waren. DS9 gefielen sogar zwei unserer Konzepte. Das Erste wurde zu „Das Wagnis“ aus Staffel 4. Das Zweite blieb drei Jahre im Fegefeuer, bis sie das Exposé kauften und Ronald D. Moore es schließlich als „Leben in der Holosuite“ adaptierte. Die „Voyager“-Story wurde nie produziert, aus verschiedenen, komplizierten Gründen, die eigentlich gar nichts mit der Geschichte selbst zu tun hatten. Aber man bezahlte uns, und wir bekamen in diesem Jahr tatsächlich eine Episode auf den Sender – und das war ein Meilenstein in meiner Karriere.
Nach diesen Anfangserfolgen schlugen John und ich über hundert weitere Ideen vor, und verkauften nicht eine von ihnen. Anfängerglück, vermute ich.
Als die Jahre vergingen und eine Wiederholung unserer ersten Erfolge ausblieb, übernahm ich freiberufliche Lektoratsarbeiten für die Star-Trek-Romane. Im Laufe der Jahre wurden meine Aufträge immer schreibintensiver und größer, bis man mir im Jahr 2000 den ersten Autorenauftrag anbot: „The Starfleet Survival Guide“. Das führte wiederum zu einer Einladung, Ideen zur eBook-Serie „Star Trek: SCE“ (später zu „Star Trek: Corps of Engineers“ umbenannt) beizusteuern.
Von den eBooks stieg ich 2003 zu den Taschenbüchern auf, und seitdem arbeite ich an mindestens ein paar Romanen pro Jahr.

Was sind für dich die größten Unterschiede zwischen dem Verfassen eines Drehbuchs und eines Romans?

Drehbücher sind sehr kurz, besonders beim Fernsehen. Meist weniger als 60 Seiten, mit nur wenigen Worten pro Seite und sehr wenigen Beschreibungen. Aufgrund der Beschränkungen des Mediums Film kann ein Drehbuch nur beschreiben, was man auch sehen und hören kann. Der Schwerpunkt liegt auf den Dialogen und Bildern. In den meisten Fällen ist die Perspektive eine Außensicht auf die Charaktere. Nur selten nehmen dich Drehbücher in den Kopf einer Figur mit.
Auch wenn Drehbücher einfach erscheinen, ist es sehr schwer, sie gut zu schreiben. Das ist wie eine Art minimalistischer Lyrik mit sehr strengen Regeln zum Stil und Format, in der jedes Wort vorsichtig ausgewählt sein muss, da nur so wenige erlaubt sind. Es ist auch eine ungewöhnliche Schreiberfahrung, da sie nicht wie Literatur gelesen werden. Drehbücher sind Blaupausen, die andere benutzen, um daraus einen Film zu machen.
Sie sind ein Leitfaden, mit dem Schauspieler ihre Figuren finden, und sie sind Landkarten, anhand derer der Regisseur das Setting und die Atmosphäre findet, die Story formt. Sie sind Werkzeuge, die den Produzenten dabei helfen, die Kosten und Drehdauer eines Filmes zu bestimmen.
Außerdem verdienen die Menschen, die Drehbücher schreiben, natürlich absurde Summen an Geld.
Selbst kurze Romane sind länger als die meisten Drehbücher. Die meisten meiner Romane gehen über 400 Seiten oder noch länger, und es sind viele Wörter auf diesen Seiten. Ein langes Filmdrehbuch umfasst vielleicht 25.000 bis 30.000 Wörter, ein Roman ist üblicherweise mindestens 40.000 Wörter lang und die meisten meiner Werke gehen von 80.000 bis 125.000 Wörtern.
Ich denke, dass narrative Prosa dann am besten ist, wenn sie Details beinhaltet, die alle fünf Sinne ansprechen. Wenn sie die Szene beschreibt, Dialoge einarbeitet, Figuren vorstellt und den Plot vorantreibt – alles zur gleichen Zeit.
Prosa ist auch in der Lage, dem Leser einen oder gleich mehrere subjektive Erzählperspektiven zu bieten, den Leser in den Geist der Figuren zu versetzen. Indem sie die Geschichte durch die Perspektive der Figuren filtern, lernen die Leser deren inneren Zustand kennen. Dieser Ansatz ermöglicht es auch, Informationen zu enthüllen oder zu verbergen, wie es der Film gar nicht könnte. (Um fair zu sein: Es gibt gewisse Tricks, mit denen ein Filmemacher mit dem Publikum spielen kann und die von einem Romanautor kaum zu kopieren sind.)
Natürlich verdienen die meisten Menschen, die Romane schreiben – von ein paar seltenen Ausnahmen abgesehen – einen Scheiß.

Wenn du für ein Franchise schreibst, musst du seinen Regeln folgen. Schränkt dich das in deiner Kreativität als Autor ein? Begrenzt es allgemein gesehen die Möglichkeiten des Geschichtenerzählens innerhalb des Franchises?

Das spornt meine Kreativität sogar noch an. Die Detailfülle des etablierten Star-Trek-Universums und der es bevölkernden Charaktere kann einem Autor sogar helfen. Manche Menschen glauben, dass mit jeder in „Star Trek“ erzählten Geschichte eine Idee ‚verbraucht’ wird. Dass zukünftigen Unternehmungen dadurch Grenzen gesetzt werden. Ich sehe das ganz anders. Jede neue Erkenntnis vertieft unser Verständnis von dieser Welt und ihren Figuren. Dadurch wird es möglich, immer komplexere und subtilere Fragen zu stellen. Und diese Fragen legen die Saat für zukünftige Geschichten. Natürlich gibt es Regeln, die gewisse Arten von Storys unterbinden. Meist sind sie da, um den Autoren, Lektoren und Lizenzpartnern Zeit zu sparen: Sie verhindern Geschichten, die nicht dem Stil der Serie entsprechen oder Dinge schildern, die zukünftige Franchise-Ergänzungen widerlegen würden. Wer aber denkt, dass ein paar Regeln zum Verfassen von Star-Trek-Storys die Kreativität bremsen, versteht einfach nicht, wie es funktioniert.

Warum schreibst du?

Weil ich nicht nicht schreiben kann. Es ist alles, was ich je vom Leben wollte.
Und weil man mich immer noch dafür bezahlt.


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2. Arbeitsweise

Was würde man sehen, wenn man dich an dem Ort anträfe, an dem du schreibst? Und warum schreibst du gerade dort?

Im Moment dient mein Büro in dem Appartment, das ich mir mit meiner Frau und zwei Katzen teile, auch als Gästezimmer. Der Raum wird also von einem antiken, großen Bett dominiert.
Ich schreibe an einem einfachen Holztisch mit Schubladen. Mein älterer Bruder hat ihn für mich aus Holzresten gebaut, als ich 1991 aus dem College kam, und er half mir dabei, ihn von meinem Kinderzimmer in New England in mein erstes Appartment in New York zu transportieren.
Die Wände des Raumes sind mit einigen Gemälden behangen, die ich in der High-School und im College fabriziert habe, und mit den eingerahmten Titelseiten meiner ersten Comic-Miniserie, ein bei Wildstorm Comics erschienenes Crossover von „Star Trek: The Next Generation“ und „Star Trek: Deep Space Nine“. (Sie wurde auf Deutsch als Sammelband veröffentlicht, unter dem Titel „Symbiose“.)
Die Wand hinter meinem großen Lederstuhl wird weitestgehend von hohen IKEA-Regalen verdeckt, auf denen sich alles mögliche stapelt, von Referenzbüchern bis hin zu meinen Lieblingsromanen und Graphic-Novels. Mittendrin steht meine alte, treue Stereoanlage, die ich seit Jahren nicht benutzt habe, weil ich es einfacher finde, meine Musik mit iTunes am Computer zu hören.
Last but not least schläft, wenn ich spät nachts noch schreibe, meine alte Katze Ripley am Fußende des Bettes, gleich neben meinem Platz am Tisch.

Wie werden deine Star-Trek-Romane entwickelt? Hast du eine Idee, welche du dann den Lektoren vorträgst, oder präsentieren die Lektoren dir eigene Ideen? Geht beides? Bitte beschreibe uns, wie aus einer Idee zu einem Star-Trek-Roman letztlich ein Buch wird.

Wie immer in der Verlagswelt, ist die beste Antwort ein “Kommt drauf an.”
Manchmal habe ich eine Idee, die ich weiterverfolgen möchte. Ich greife zum Telefon, rufe meine Lektoren an, und wenn sie ein paar Minuten übrig haben, stelle ich sie ihnen vor und sehe, ob sie sich die Idee als Teil ihrer Planung vorstellen können. Wenn sie ihnen gefällt, führe ich die Geschichte auf ein paar Seiten aus, und sie diskutieren sie untereinander.
Wenn sie sich dafür entscheiden, sie zu nehmen, kontaktieren sie meinen Agenten und erarbeiten einen Vertrag. Sobald der unterzeichnet ist, schreibe ich ein detailierteres, längeres Exposé. Sind Lektor und ich selbst mit dem Konzept zufrieden, schickt man es an die Lizenzverantwortlichen bei CBS Television, die es entweder ablehnen, Änderungen vorschlagen, oder es ohne Änderungswünsche genehmigen.
Habe ich die Erlaubnis fortzufahren, nutze ich dieses Exposé, um das Manuskript zu verfassen. Das durchläuft dann den gleichen Genehmigungsprozess. Es folgen längere Phasen des Umschreibens und kleinere Ausbesserungen an den Korrekturfahnen. Zehn Monate oder ein Jahr später ist es ein Buch.
Oder die Lektoren haben eine Idee. Wenn sie wollen, dass ich sie entwickle, fragen sie mich, ob ich Interesse habe. Sage ich ja, bitten sie mich um eine kurze Ausarbeitung. Und dann geht der oben beschriebene Prozess von vorne los.

Ist es bei anderen Tie-In-Franchises anders?

Bisher habe ich nur für ein weiteres Tie-In-Franchise geschrieben, Marvel Comics’ „Wolverine“. Da habe ich einen Spionagethriller im Stil von James Bond beigesteuert, der „Road of Bones“ heißt. Der Prozess von Entwicklung und Genehmigung war im Prinzip mit meinen Arbeitserfahrungen bei „Star Trek“ identisch.

Woran arbeitest du momentan? Was können wir in der Zukunft erwarten?

Aktuell schreibe ich die Trilogie „Star Trek Destiny“, die in den USA von Oktober bis Dezember 2008 erscheint. Es wird ein episches Crossover, das über ein Jahr nach dem Kinofilm „Star Trek Nemesis“ spielt und die Crews der Enterprise-E und der Titan beinhaltet, sowie einige Charaktere aus der Romanfortsetzung zu „Deep Space Nine“ und namhafte Figuren aus der Vergangenheit von „Star Trek“.
Das erste Buch der Trilogie, „Gods of Night“, ist fertig und im Lektorat. Ich stecke im dritten Drittel von Buch zwei, „Mere Mortals“. Buch drei, „Lost Souls“, soll Anfang April fertig sein.
Nach der Trilogie nehme ich mir ein paar Wochen zum Ausruhen. Danach muss ich mit der Arbeit an meinem ersten eigenständigen Roman beginnen, „The Calling“, den Simon & Schuster 2009 veröffentlichen werden.
„The Calling“ handelt von einem Mann, der manchmal die Gebete seiner Mitmenschen hören kann. Er wird gebeten, bei der Suche nach einem entführten kleinen Mädchen zu helfen. Seine Suche führt ihn schon bald mitten in eine tödliche Verschwörung, in die russische Mafiosi und korrupte New Yorker Cops involviert sind. Und sie zeigt ihm seinen Platz in einem uralten und andauernden Kampf zwischen den Mächten des Guten und des Bösen.
Außerdem diskutiere ich gerade weitere Star-Trek-Buchprojekte mit meinen Lektoren, doch abgesehen von der Trilogie ist noch nichts spruchreif.


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3. Zu STAR TREK

Was reizte dich ursprünglich an “Star Trek”? Was ist deine persönliche Fan-Biografie?

Ich bin mit den Wiederholungen der klassischen Serie groß geworden. Die Vertrautheit zwischen Kirk, Spock und McCoy gefiel mir besonders; selbst wenn sie sich gegenseitig auf die Nerven gingen, wusste man doch, dass sie immer Freunde blieben. Und die ganzen Raumschiffe, Explosionen und dürftig bekleideten Frauen waren ebenfalls Pluspunkte. Ende der 70er, Anfang der 80er las ich dann James Blishs Romanadaptionen der Episoden, und natürlich sah ich mir auch die Kinofilme an. „Star Trek II: Der Zorn des Khan“ haute mich um! Spocks Tod war einer dieser Momente, die für mich die Humanität von „Star Trek“ unterstreichen. Durch sie wird es für mich realer und persönlich relevanter als es die Star-Wars-Filme je waren. Zu dieser Zeit hing ein Poster der Enterprise an meiner Zimmerdecke. Es war so eine Risszeichnung, die all die coolen Dinge im Inneren des Schiffes aufzeigte. Sie sah so real aus, so glaubhaft, dass ich mir vorstellte, selbst dort zu leben und diese Abenteuer zu bestehen.
Als „Star Trek: The Next Generation“ begann, war ich ein Erstsemester am College, ohne Fernseher und Videorecorder. Meine Eltern zeichneten alle Episoden für mich auf, und ich sah sie mir in Marathonsitzungen an, wann immer ich an Feiertagen oder während des Sommers zu Hause war. Nach dem College zeichnete ich mir TNG und Deep Space Nine weiterhin auf, doch war ich so arm und so verschuldet, dass ich mir keine neuen Videokassetten leisten konnte. Um kostenlos an Bänder zu kommen, meldete ich mich freiwillig als Filmrezensent für ein Pornomagazin. Dort ließ man mich die Kassetten behalten, also habe ich einfach die Laschen überklebt und die Pornos mit „Star Trek“ überspielt. Dies ist eine der wahren Geschichten, die meine Qualifikation als Geek beweisen. Also ja, ich würde mich schon als Fan bezeichnen.

Wie siehst du als Star-Trek-Autor den aktuellen Stand des Franchise? Was erwartest du von seiner Zukunft?

Es steht vor einer Renaissance. Zumindest hoffe ich das. Ich bin kein Hellseher, daher weiß ich nicht, was uns die Zukunft bringt. Doch ich freue mich darauf, im Dezember 2008 J. J. Abrams’ neuen Kinofilm zu sehen, und ich hoffe, dass er in der breiten Bevölkerung wieder ein Interesse an „Star Trek“ entfacht – in all seinen Formen und Inkarnationen.

Interagierst du mit den Fans? Auf Conventions, im Internet ...

Ich plaudere in einigen Onlineforen mit den Fans, darunter TrekBBS.com, das Star-Trek-Buchforum von Simon & Schuster und die Buch-Boards bei Psi Phi. Über höfliche Mails von Fans, die mich über meine Website infinitydog.com erreichen, freue ich mich auch.
Aus wirtschaftlichen Gründen gehe ich nicht auf viele Conventions. Zu den wenigen, die ich besuche, gehört Shore Leave, die jeden Juli in Hunt Valley, Maryland, USA, stattfindet.


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4. Zu STAR TREK - VANGUARD

Wie genau ist die Vanguard-Saga eigentlich entstanden? Wie wurde das Konzept entwickelt? Und wie viel von Vanguards Hintergrund und Rahmenhandlung stammt von dir als Hauptautor der Serie.

Lass mich zunächst einmal klarstellen, dass ich gar nicht der „Hauptautor“ der Serie bin. Ich hatte das Glück, der erste Autor zu sein und die Serie zu entwickeln, und ich half [Lektor] Marco Palmieri dabei, die „Bibel“ der Serie zu schreiben, in welcher die Handlungsstränge und Charaktere festgelegt wurden.
Doch viele andere Menschen haben nicht minder wichtige Beiträge zu „Vanguard“ geleistet. Der Löwenanteil des Lobes gebührt meinem Lektor Marco, denn es war alles seine Idee. Er hatte schon viel Arbeit investiert, bevor ich an Bord kam. Auch Mazao Okazaki war für die frühe Entwicklung der Serie lebenswichtig, denn seine künstlerische Vision machte vieles vom Stationsinneren erst lebendig – auch das Raumschiff Sagittarius. Auf Raumbasis 47 gibt es viele coole Ecken, die ich mir ohne Masaos Beispiel nie hätte ausdenken können.
Von ähnlicher Bedeutung ist die Arbeit, die meine Kollegen abliefern, das Autorenteam Dayton Ward und Kevin Dilmore. Viel von dem, was die Shedai cool macht, entstammt ihren Ideen zu Buch zwei, „Rufe den Donner“. Und sie erfanden das Jinteur-System in ihrem Corps-of-Engineers-eBook „Distant Early Warning“.
Jetzt, da das klargestellt wurde, lass uns zurück zum Sommer 2004 gehen.
Marco fragte mich, ob ich daran interessiert sei, das Konzept für eine brandneue Star-Trek-Romanserie mitzuentwickeln und auch gleich den ersten Band zu schreiben. Sie sollte im Rahmen der Fünfjahresmission aus der klassischen Serie spielen. Es gibt heute viele Buchversionen von „Star Trek“, daher werden neue Serien nur selten erschaffen. Ich betrachtete diese Einladung daher als große Ehre und sagte sofort zu. Wir trafen uns in Marcos Büro, und er zeigte mir seine vielen Notizen zum Konzept und den Figuren. Einige der Hauptcharaktere waren bereits da, darunter Diego Reyes, Ezekiel Fisher, Botschafter Jetanien und Tim Pennington. Marco wünschte sich von mir, dass ich die Persönlichkeiten seiner Charaktere entwickelte und einige weitere Figuren erfand, die andere Jobs übernahmen und das Ensemble abrundeten. Außerdem war es mein Job, die Bibel der Serie zu verfassen. Dieses Dokument von etwa 30 Seiten Umfang beschreibt Haupt- und Nebenrollen und legt den Rahmen der Serie fest – also die Stimmung, die erwartete Länge und die Haupthandlungsfäden. Es erläutert das Setting und beschreibt die beteiligten Raumschiffe, und es legt fest, wie sich die Serie in den Rest des Star-Trek-Franchises eingliedern soll.

Wie koordiniert ihr eure Arbeit an „Vanguard“? Wie viel der Story steht schon fest, wie viel kann ein Autor selbst noch beisteuern? Und wie weit plant ihr voraus?

Marco koordiniert die Serie. Es gehört zu seinen Aufgaben, mich über das zu informieren, was Dayton und Kevin tun – und umgekehrt. Bisher funktioniert das gut, und wir scheinen uns mit den Romanen dieser Reihe abzuwechseln.
Als sie mit der Arbeit an „Rufe den Donner“ begannen, zeigte mir Marco ihr Exposé (und später ihre erste Manuskriptfassung), damit wir uns austauschen und auf Spur bleiben konnten. Als sie gemeinsam mit Lektor Keith R. A. DeCandido „Distant Early Warning“ konzeptionierten, konsultierten sie mich, damit ihr Plot sich nicht mit dem beißen würde, den ich gerade für „Ernte den Sturm“ entwickelte. An manchen Punkten änderte ich meine Story, um ihre großartigen Ideen in die Serie integrieren zu können.
Bevor ich das Konzept zu „Ernte den Sturm“ schrieb, saß ich mit Marco, Dayton und Kevin bei einem Grillabend zusammen, und wir besprachen die Serie und die Möglichkeiten, die uns die von mir für Buch drei geplanten offenen Enden boten. Dieser Abend des Brainstormings bei Steaks und Bier war für mich der Moment, an dem wir vier wirklich zu einem Kreativteam wurden. Als Geschichtenerzähler holen wir gegenseitig das Beste aus uns heraus.
Was die Planung der Saga angeht, habe ich einen Vorschlag für die ersten sechs Bücher erstellt. Ironischerweise haben Dayton, Kevin und ich all diese Ideen schon in den ersten drei Romanen verbraten, und stecken nun, nach „Ernte den Sturm“, also in unbekanntem Raum.
Die Serie war immer als langfristige Reihe geplant. Wir wollten eine andauernde Geschichte erzählen, die aber flexibel genug war, um einem Autor die Möglichkeit zu geben, vor ihrem Hintergrund auch abgeschlossene Einzelabenteuer zu erzählen, die nichts mit dem Handlungsbogen zu tun haben.
Jetzt, im Dezember 2007, entwickeln Dayton und Kevin gerade Roman Vier, der noch keinen Titel hat. Ich habe Ideen für ein fünftes Buch der Serie, weiß aber noch nicht, ob dafür überhaupt Nachfrage besteht. Oder ob Marco will, dass ich es schreibe.

Was mich an „Der Vorbote“ besonders fasziniert hat, war deine Nutzung der bereits etablierten Figuren als Gaststars. Es fühlte sich wirklich an, als wären Kirk, Spock und der Rest der Gang Gäste in einer TV-Serie mit anderen Hauptdarstellern. War es deine Entscheidung, diese Figuren überhaupt zu verwenden? Oder musstest du sie nutzen, um Vanguard fester im Star-Trek-Universum zu verankern?

Ich musste sie nicht nutzen. Marco schlug es mir nur vor, um die Serie in ihrer Zeit zu etablieren und den Lesern einen vertrauten Bezugspunkt zu bieten, von dem aus sie in die Saga einsteigen konnten. Er musste mich nicht lange überreden: Bis dahin hatte ich nie Gelegenheit gehabt, eine Geschichte über die Crew der ursprünglichen Enterprise zu schreiben. Es war mir ein Vergnügen, dies endlich nachzuholen.

Das Ensemble von „Vanguard“ ist eine interessante und frische Figurensammlung. Wie hast du die Taurus-Region und die Raumstation 47 bevölkert? Wonach hast du bei deinen Protagonisten Ausschau gehalten?

Eines von Marcos Zielen bei „Vanguard“ war, mit den althergebrachten Figurenmustern und dargestellten Berufen – Captain, Erster Offizier, Wissenschaftsoffizier, Chefingenieur usw. – zu brechen. Er wollte einen Cast, dessen Positionen in Star Trek noch nicht genauer geschildert worden waren, sei es auf dem Bildschirm oder in den Romanen. Anstelle eines Schiffscaptains haben wir also einen Commodore, der eine Raumstation und über einen Raumsektor befehligt. Statt eines Ersten Offiziers gibt es eine Agentin von Starfleet Intelligence mit harter Spionagearbeit. Dann fügten wir einen Offizier für Archäologie und Anthropologie hinzu, einen Diplomaten, einen Reporter, einen Gangsterboss und einen Glücksritter, der sich Hals über Kopf in die Geschehnisse verstrickt, und immer so weiter. Das Hauptziel bei der Entwicklung der Beziehungen auf „Vanguard“ war es, interessanten emotionalen Konflikten eine Bühne zu bereiten. Wir stürzten unseren Kommandanten in ein emotionales Trauma nach dem anderen und beobachteten, wie dieser stoische Soldat und Leiter einer Geheimoperation reagierte, wenn sein ganzes Leben um ihn herum zerbrach. Dann steckten wir ihn in eine heimliche Affäre mit dem JAG-Offizier der Station – diese Frau stellt die Hälfte der Zeit seine Autorität in Frage, und muss ihn dann in einer offiziellen Untersuchung auseinander nehmen. Die vulkanische Agentin hat mehr als nur eine fragwürdige Moral; sie ist geistig krank, und das wird immer schlimmer. Außerdem ist sie mit genau der falschen Person romantisch involviert. Der Diplomat sucht nach Frieden in unmöglichen Umständen, der edelgesinnte Reporter verfängt sich in einem ethischen Fehler, der Glücksritter ist ein depressiver Alkoholiker und im Ausguss seines Lebens gefangen. Und der idealistische und junge A&A-Offizier ist ein Heißsporn, der sich verhält, als wolle er vors Militärgericht gestellt werden.
Fügt man dann noch streitlustige Klingonen, unbarmherzige Tholianer, verstohlene Romulaner und ein paar uralte Aliens mit großer Zerstörungskraft hinzu, hat man das Rezept für Tragödie, Abenteuer und eine große SF-Saga, die anders ist als alles, was es in „Star Trek“ bisher gab.

Vanguard ist ein sehr erwachsenes „Star Trek. Deep Space Nine“ wird als „dunkelste“ Star-Trek-Serie betrachtet. Wenn man sich deine Arbeit als Star-Trek-Autor so ansieht – und ich denke insbesondere an deine Beiträge zur „A Time to …“-Serie –, scheinst du mit den düsteren Themen gut zurecht zu kommen. War es dir wichtig, einiges von der Schwere und dem Realismus deiner früheren Arbeiten auch in „Vanguard“ zu übertragen?

Absolut. Das war für mich einer der wichtigsten Aspekte des Projektes. So sehr ich die klassische Serie auch liebe, ist mir doch bewusst, wie unfreiwillig komisch sie mitunter sein kann. Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, kommt es selbst in ernsthaften Momenten vor, dass sie die Farbgestaltung und melodramatischen Wendungen mitunter alt aussehen lassen. Eines der größten Komplimente, die man mir für meine Arbeit an „Star Trek – Vanguard“ machte, war der Vergleich mit Ronald D. Moores Neuinterpretation von „Kampfstern Galaktika“. Ich bin ein großer Fan dieser Show. Leser, denen es genauso geht, werden in den Planeten- und Figurennamen in „Der Vorbote“ und „Ernte den Sturm“ vielleicht kleine Verweise auf „Battlestar Galactica“ erkennen.

„Vanguard“ spielt zur Zeit der klassischen Serie. Schränken die späteren Trek-Inkarnationen (TNG, DS9 usw.) deine erzählerischen Möglichkeiten nicht ein?

Eigentlich nicht. Durch den großen Handlungsrahmen und durch Ereignisse in anderen Star-Trek-Romanen gibt es ein paar Figuren in „Vanguard“, die man nicht töten darf, doch bleiben noch genügend andere schlimme Dinge übrig, die ich mit ihnen anstellen kann. Es ist unser Ziel, mit „Star Trek – Vanguard“ eine Verbindung zwischen unseren Abenteuern und denen aus der klassischen TV-Serie zu erstellen. Wir wollen Momente erschaffen, an denen Leser feststellen, dass ein Ereignis in „Vanguard“ die Erklärung für ein bis dato offenes Rätsel aus „Raumschiff Enterprise“ liefert. Oder als Folge eines Geschehens dient, bei dem er sich immer schon fragte: ‚Aber was wurde denn aus …’ Es geht uns darum, Lücken zu füllen und so viele Handlungsfäden des Star-Trek-Universums zusammen zu spinnen, wie wir können.


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5. Abschließend

Bekommst du als amerikanischer Schriftsteller Feedback von deinen internationalen Lesern?

Bisher kaum, doch ich freue mich darauf, von meinen deutschen Lesern zu hören, sobald sie die Gelegenheit hatten, die Übersetzungen von „Der Vorbote“ und „Ernte den Sturm“ zu lesen.